Die seltsame Geschichte der Felina Schrödinger und der Eismädchen

Felina Schroedinger Studioportrait, undated, courtesy Collection Claire Castelle.
Felina Schrödinger, Studioportrait, undatiert. Courtesy Collection Claire Castelle

Die Vorstellung, dass im 21 Jahrhundert Menschen an Geisterwesen glauben, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Allein, der Siegeszug dessen, was euphemistisch als “soziale Medien” bezeichnet wird, hat zu einer Renaissance der aberwitzigsten Ideen  geführt. Wilde Verschwörungstheorien buhlen marktschreierisch um die Gunst des Publikums, kein Unsinn ist sich zu schade mit “likes” und “followern” belohnt zu werden.

In Zeiten wie diesen ist es die nobelste Aufgabe der Wissenschaft, der Ratio, dem gesunden Menschenverstand, eine Lanze zu brechen. Ein gelungenes Beispiel wie verworrenen Fantasien mit einer analytischen Blickweise Paroli geboten werden kann, findet sich in der Ausstellung “Sehnsucht nach dem Jetzt”.

Der Eiskeller im Schlosspark Biesdorf, im Vordergrund zwei umschlungene Frauen. Die "Eismädchen"?. Undatierte Photographie, courtesy Collection Claire Castelle.
Der Eiskeller im Schlosspark Biesdorf, im Vordergrund zwei umschlungene Frauen. Die “Eismädchen”?. Undatierte Photographie, courtesy Collection Claire Castelle.

Lässt man sich von dem pathetischen Titel der Ausstellung nicht abschrecken, findet man Gelegenheit eine umfassende und profunde Untersuchung zum Ursprung und Wahrheitsgehalt der Legenden um die “Eismädchen von Biesdorf” ins Auge zu nehmen.

Diese Untersuchung, die von dem Berliner Pictophagologen André Werner in akribischer Kleinarbeit zusammengetragen wurde, zeichnet mit messerscharfer Logik die Enstehung und Verbreitung jener Legenden nach. Gleichwohl verfällt sie nicht der Faszination der “Eismädchen”, sondern führt die seltsamen Phänomene auf simple physikalische Ursachen zurück.

Berliner Gaststatte, um 1916. Im Hintergrund eine "Eismädchen" Werbung.
Berliner Gaststatte, um 1916. Im Hintergrund eine “Eismädchen” Werbung.
“Eismädchen” Werbung, ca. 1916. Schloss Biesdorf mit seinem charakteristischen Turm ist im Hintergrung gut zu erkennen.
“Eismädchen” Werbung, ca. 1916. Schloss Biesdorf mit seinem charakteristischen Turm ist im Hintergrung gut zu erkennen.

Im ersten Teil dieser Präsentation werden die Gerüchte um leicht bekleidete Damen, die am Eiskeller des Schlosses Biesdorf ihr Unwesen trieben, auf ihre Enstehung um 1911 zurückgeführt. Anschaulich erfährt der Besucher wie sich innerhalb weniger Jahre die Geschichten von den mysteriösen Frauen in das Allgemeinwissen einschrieben und letztlich zu ihrem eigenen Markenzeichen wurden. Artefakte, Zeitungsartikel, Werbeplakate und sogenannte “Beweisfotografien” der Eismädchen zeichnen nach, wie sich aus den vagen Berichten weniger Augenzeugen ein virales Phänomen entwickelte, welches bald weit über seinen Ursprungsort hinaus Verbreitung fand.

Zwei Frauen stehen vor dem Eiskeller im Schlosspark Biesdorf. Angeblich ein Bild der "Eismädchen". Undatierte Photographie, courtesy Collection Claire Castelle.
Zwei Frauen stehen vor dem Eiskeller im Schlosspark Biesdorf. Angeblich ein Bild der “Eismädchen”. Undatierte Photographie, courtesy Collection Claire Castelle.

 

Eismädchen Postkarte. Galante Postkarte, ca. 1914. Künstlerische Darstellung eines Frauenpaares am Eiskeller Biesdorf. Quelle: UCLA, Dep. for historic gender studies.
Galante Postkarte, ca. 1914. Künstlerische Darstellung eines Frauenpaares am Eiskeller Biesdorf. Quelle: UCLA, Dep. for historic gender studies.

Der eigentliche Verdienst der Untersuchung liegt jedoch in der Verknüpfung der “Eismädchen” mit einem, auf den ersten Blick völlig unabhängigen Ereignis: Der Entdeckung einer bis dato unbekannten Erfindung aus in St. Petersburg. Der Conjunctiva, einer Kamera die nach den Gesetzen der Quantenoptik funtioniert. Die Erfinderin, Yuliya Sanshayn, beschreibt sie als “Apparat zur Erfassung und Abbildung alternativer Eigenzustände der uns umgebenden Realität”.

Felina Schrödinger, date and place are unknown.
Ort und Datum dieser Photographie sind bisher nicht verifizierbar.

Wie sich zeigt, stand Yuliya Sanshayn im engen Kontakt mit dem Malermodell und Dienstmädchen Felina Schrödinger. Felina, ein aufgewecktes Mädchen, welches ebenso kreativ wie wissensdurstig war, trat im Jahr 1911 ihren Dienst als Soubrette im Schloss Biesdorf an. Wenige Monate bevor die ersten Berichte über “Eismädchen” auftauchen.

Felina Schrödinger mit Elly und Wilhelm von Siemens auf der Terrasse von Schloss Biesdorf.
Mit ihrem offenen Wesen, ihren guten Manieren und ihrer ausserordentlichen Allgemeinbildung gewinnt sie bald die Gunst ihrer Herrschaft. Felina Schrödinger mit Elly und Wilhelm von Siemens auf der Terasse von Schloss Biesdorf.
Felina Schrödinger im Atelier von Ernst Ludwig Kirchner, Körnerstraße 45 in Berlin-Wilmersdorf, Fotografie von Kirchner, 1915. / Kirchner Museum Davos
Felina Schrödinger im Atelier von Ernst Ludwig Kirchner, Körnerstraße 45 in Berlin-Wilmersdorf, Fotografie von Kirchner, 1915. / Kirchner Museum Davos

Und hier schließt sich der Kreis von den “Eismädchen” über St. Petersburg zurück nach Biesdorf. Wir erfahren, wie Felina, mit einem Exemplar einer Conjunctiva gewappnet, zahlreiche fotografische Experimente vornahm. Der naheliegende Verdacht, dass eine solche Kamera, die ja der “Erfassung und Abbildung alternativer Eigenzustände der uns umgebenden Realität” dient, letztendlich Möglichkeiten in Realitäten wandelt, wird nach Sichtung der wiedergefundenen Conjunctiva Fotoplatten vortrefflich bestätigt. Bildanalysen durch das Quantum Photonics Laboratory des Massachusetts Institute of Technology (MIT) räumen letzte Zweifel aus.

Felina Schrödinger, Schloss Biesdorf, Autochrome, undatiert. Courtesy Collection Claire Castelle.
Felina Schrödinger, Schloss Biesdorf, Autochrome, undatiert. Courtesy Collection Claire Castelle.
Felina Schrödinger, Autochrome, undatiert. courtesy Collection Claire Castelle.
Felina Schrödinger, Schloss Biesdorf, Autochrome, undatiert. Courtesy Collection Claire Castelle.

Die “Eismädchen” existierten tatsächlich, mögliche Bilder, die durch den Einsatz der Conjunctiva zu real existierenden Wesen wurden.

Die Ausstellung “Sehnsucht nach dem Jetzt” zeigt mit diesem Exkurs, dass auch die unwahrscheinlichsten Begebenheiten mit den Gesetzen der Logik und einem besonnenen Blick erklärbar sind.

Felina Schrödinger, Autochrome, undatiert. courtesy Collection Claire Castelle.
Felina Schrödinger, Autochrome, undatiert. courtesy Collection Claire Castelle.

Die wissenschaftliche Arbeit von André Werner und seinem Team dauert an. Der geneigte Leser kann sich unter artyesno.com/felina ein Bild vom aktuellen Stand der Conjunctivaforschung machen.

 

Matou de Marsalle | Biesdorf im Januar 20