II | Yuliya Sanshayn und die Conjunctiva

Yuliya Sanshayn, St. Petersburg, ca. 1911
Yuliya Sanshayn, St. Petersburg, ca. 1911

Yuliya Sanshayn

Als am frühen Morgen des 23. Februar 1973, einem Freitag, in dem frühklassizistischen Eckhaus an der Kreuzung des Newski-Prospektes mit dem Gribojedow-Kanalufer alle Heizungen und die Wasserversorgung ausfielen, war niemand ernstlich überascht. Die Kanalisation in diesem Teil der Stadt hatte durch den U-Bahn-Bau der 60er Jahre erheblich gelitten und Rohrbrüche waren an der Tagesordnung. Im Zuge der notwendigen Reparaturarbeiten entdeckten die Tiefbauarbeiter einen verschütteten Kellerraum, der wohl einst als Lagerraum gedient hatte. Hier fanden sich, durch jahrzehntelange Feuchtigkeit nahezu vollständig zerstörte Akten, Anträge auf Patente aus der Zeit von 1912 bis 14. Zu jener Zeit befand sich in dem Eckgebäude die Verwaltung des Petersburger Patentamtes (dem heutigen Rospatent).

Es sollten weitere 20 Jahre vergehen bis Dsiga Swilowa, zu jener Zeit mit den Archiven des Patentamtes betreut, in den Ruhestand ging und sich seiner Leidenschaft, dem Aufspüren verlorener Erfindungen, widmen konnte.

Der Patentantrag von Yuliya Sanshayn für einen "Apparat zur Erfassung und Abbildung alternativer Eigenzustände der uns umgebenden Realität".
Der Patentantrag von Yuliya Sanshayn für einen “Apparat zur Erfassung und Abbildung alternativer Eigenzustände der uns umgebenden Realität”.

 

Eine Akte in der Sammlung verschollener Patentanträge weckt seine besondere Aufmerksamkeit: Die konzeptionelle Beschreibung einer Kamera, deren Funktion nicht auf den Gesetzen der geometrischen Optik beruhte, vielmehr basierte dieser Fotoapparat auf den Grundlagen der sich gerade entwickelnden Quantenphysik. Der Zweck dieser Erfindung, von einer gewissen Yuliya Sanshayn (Юлия Саншайн) als Conjunctiva (kon”yunktiva конъюнктива) eingereicht, war “das Erfassen und Abbilden alternativer Eigenzustände der uns umgebenden Realität”. Im Rückblick lesen sich die Erläuterungen von Frau Sanshayn wie Vorahnungen auf die Konzepte von Werner Heisenberg, Max Born und Pascual Jordan.

Dsiga Swilowa, der neben seiner Leidenschaft für verlorene Erfindungen auch ein Faible für frühe Amateurfotografie hatte, war fasziniert. Sollte tatsächlich eine bis dahin vollkommen unbekannte Form der Fotografie bereits vor mehr als 70 Jahren von einer Frau in St. Petersburg erfunden worden sein? Dsiga, ein Trüffelsucher, der sich in den Tiefen der russischen Archive bestens auskannte, nahm die Fährte auf.

Allein, mit wenig Erfolg. Außer dem schmalen Ordner mit der Aufschrift Conjunctiva fand sich weder in St. Petersburg noch in Moskau das geringste Lebenszeichen von Yuliya Sanshayn.
Wie so oft war es der reine Zufall der Dsiga Swilowa den Weg wies. Ein befreundeter Sammler alter Photographien bot ihm ein Konvolut an Photographien aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts neben diversen Korrespondenzen und Negativplatten an. Als Dsiga Swilowa die Ansichtsfotografien des Konvoluts, die sein Freund ihm geschickt hatte, näher betrachtete, war er wie vom Blitz berührt. Auf einem der Briefumschläge war deutlich der Name der Empfängerin zu lesen: Yuliya Sanshayn.

Юлия Саншайн, Лиговский пр., д. 74, Санкт-Петербург, 191040 (Yuliya Sanshayn, Ligovsky pr., D. 74, St. Petersburg, 191040)
Юлия Саншайн, Лиговский пр., д. 74, Санкт-Петербург, 191040 (Yuliya Sanshayn, Ligovsky pr., D. 74, St. Petersburg, 191040)

 

Ohne zu zögern erwarb Dsiga Swilowa die gesamte Zusammenstellung, voll der Hoffnung dem Rätsel der Conjunctiva näherzukommen. Der Zustand der drei Kisten und ihres Inhaltes die alsbald eintrafen war erbarmungswürdig. Scheinbar hatten die Kisten, Teil einer Wohnungsauflösung, jahrzehntelang in Kellern oder Dachböden vor sich hingerottet. Viele Glasplatten und Abzüge waren bis zur Unkenntlichkeit verschimmelt, die Briefe durch Wasserschäden in einem Zustand der Auflösung. Trotz dieser Widrigkeiten gelang es zumindest Teile der Korrespondenz zu entziffern.

Eine mehrjährige, intensive Brieffreundschaft zwischen Yuliya Sanshayn und Felina Schrödinger.

Teil III: Felina Schrödinger | Das Mädchen mit der Kamera